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01.12.2011

Wiederaufbau gegen alle Widerstände

Errichtung der Wormser Synagoge vor 50 Jahren historischer Sonderfall und ein umstrittenes Vorhaben


Originalgetreu: Innenraum des Wormser jüdischen Gebetshauses, in dem heute wieder alle 14 Tage Gottesdienste stattfinden. Foto: epd

Originalgetreu: Innenraum des Wormser jüdischen Gebetshauses, in dem heute wieder alle 14 Tage Gottesdienste stattfinden. Foto: epd

Der originalgetreue Wiederaufbau der Wormser Synagoge nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein historischer Sonderfall. Vor allem dem Einsatz zweier ganz unterschiedlicher Männer ist es zu verdanken, dass das umstrittene Vorhaben umgesetzt werden konnte.

Für Isidor Kiefer war es die Aufgabe seines Lebens. Der jüdische Gemeindevorsteher war gleich zu Beginn der NS-Diktatur aus Worms in die USA ausgewandert. Nach Kriegsende wünschte er sich nichts sehnlicher, als vom Exil in Amerika aus mitzuhelfen, die alte, von den Nazis niedergebrannte Synagoge der Stadt wiederaufzubauen. Gegen alle Widerstände konnte Kiefer seine Idee nach jahrelangen Bemühungen umsetzen, wenngleich er den Abschluss der Arbeiten nicht mehr erlebte. Vor 50 Jahren, am 3. Dezember 1961, wurde die Synagoge mit einem großen Staatsakt eingeweiht.

Worms am Rhein, einst eine der legendären Schum-Gemeinden und im Mittelalter ein Zentrum des europäischen Judentums, ist die einzige Stadt, in der nach dem Krieg eine komplett vernichtete historische Synagoge originalgetreu wiederaufgebaut wurde, obwohl es vor Ort gar keine jüdische Gemeinde mehr gab. Das erstmals im 11. Jahrhundert entstandene Gebetshaus hatte einst beim Bau etlicher anderer Synagogen in Mitteleuropa als Vorbild gedient und war schon zu Kaiserzeiten unter Denkmalschutz gestellt worden.

Die Nationalsozialisten hatten die Synagoge in der Reichspogromnacht 1938 in Brand gesetzt, die Ruinen in den folgenden Jahren abgerissen. Der Historiker und Direktor der „Städtischen Kulturinstitute“ Friedrich Illert konnte aber aus den Schutthaufen unter anderem das Gemeindearchiv und architektonisch interessante Trümmerteile bergen.

„Es ging ihm um Denkmäler und historische Objekte, aber er hatte kein Interesse am Schicksal der Menschen“, urteilt Gerold Bönnen, heutiger Leiter des Wormser Stadtarchivs und des städtischen Jüdischen Museums. Er hat die Geschichte des Synagogen-Wiederaufbaus ausführlich dokumentiert und dabei auch die durchaus ambivalente Rolle seines langjährigen Amtsvorgängers durchleuchtet.

Nach dem Krieg wurde der Kulturbeamte Illert, der im NS-Staat eine steile Karriere gemacht hatte und auch in der Nachkriegszeit auf seinem Posten blieb, neben dem jüdischen Emigranten Kiefer zum zweiten Motor für das Aufbauprojekt. Trotz ihres grundverschiedenen Lebenswegs standen die beiden Wormser in engem Briefkontakt und ließen gemeinsam alle ihre persönlichen Kontakte für die Synagoge spielen.

Rückhalt erhielten sie von höchster politischer Stelle: Der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) unterstützte das Vorhaben als Zeichen der Wiedergutmachung. Und das Büro von Theodor Heuss ließ mitteilen: „Der Herr Bundespräsident interessiert sich selbst für die Angelegenheit und glaubt, der Wiederaufbau dieser Synagoge wäre gerade auch nach dem Ausland hin sicher von großer und günstiger Wirkung.“

Bei der Mehrzahl der vor der
NS-Diktatur ins Ausland geflohenen Wormser Juden trafen die Pläne Bönnens Recherchen zufolge auf große Skepsis. „Eine Synagoge sollte nur dort sein, wo sie ihrem ursprünglichen Zwecke dient und wo zehn Juden sich zum Gebet vereinigen“, schrieb etwa eine Emigrantin aus den USA. Zugleich wurden die Wiederaufbaupläne durch einen langen deutsch-israelischen Rechtsstreit um den Verbleib des jüdischen Wormser Archivs gebremst.

Der Grundstein für den Wiederaufbau wurde schließlich 1959 gelegt. Der damals hochbetagte Kiefer war nach Worms gereist und durfte eine bewegende Rede halten. Die Einweihung der wiederhergestellten Synagoge zwei Jahre später erlebte er nicht mehr. Stella Schindler-Siegreich, heute Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mainz, war dagegen als junges Mädchen dabei: „Das ist meine früheste Erinnerung an jüdisches Leben in Deutschland.“

In den Jahrzehnten nach dem Wiederaufbau wurde die Wormser Synagoge nur sporadisch an jüdischen Feier­tagen genutzt. Gelegentlich feierten auch US-amerikanische Militärangehörige jüdischen Glaubens eine Hochzeit in dem geschichtsträchtigen Gebäude. Eine eigenständige jüdische Gemeinde gibt es bis heute nicht, allerdings finden inzwischen alle 14 Tage wieder Gottesdienste in Worms statt. In der vergangenen Woche wurde mit einem Festakt an den 50. Jahrestag des Wiederaufbaus erinnert. Karsten Packeiser