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20.10.2011

Vom Gastarbeiter zum Mitbürger

50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen


Kundgebung der Türkischen Gemeinde in Deutschland 2007 in Berlin: Die erste Generation von Gastarbeitern demonstriert für die doppelte Staatsbürgerschaft. Fotos: epd

Kundgebung der Türkischen Gemeinde in Deutschland 2007 in Berlin: Die erste Generation von Gastarbeitern demonstriert für die doppelte Staatsbürgerschaft. Fotos: epd

Keupstraße in Köln: In der Domstadt leben etwa 65 000 Türken. Weil alle großen islamischen Dachverbände hier ihre Bundeszentrale haben, wird die Stadt auch gerne „Hauptstadt der Muslime in Deutschland“ genannt.

Keupstraße in Köln: In der Domstadt leben etwa 65 000 Türken. Weil alle großen islamischen Dachverbände hier ihre Bundeszentrale haben, wird die Stadt auch gerne „Hauptstadt der Muslime in Deutschland“ genannt.

Deutsch-türkische Freundschaft: Vor dem EM-Fußballspiel Deutschland-Türkei im Juni 2008 weht ein 270 Quadratmeter großer Fahnenteppich am Dortmunder Stadthaus am Friedensplatz.

Deutsch-türkische Freundschaft: Vor dem EM-Fußballspiel Deutschland-Türkei im Juni 2008 weht ein 270 Quadratmeter großer Fahnenteppich am Dortmunder Stadthaus am Friedensplatz.

von Anette Konrad

Am 31. Oktober ist es 50 Jahre her, dass mit der Unterzeichnung des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens nach italienischen, spanischen und griechischen Arbeitskräften auch türkische Arbeitnehmer nach Deutschland kommen konnten. Der Hintergrund: Der deutsche Arbeitsmarkt suchte zu Beginn der 1960er Jahre händeringend Arbeitskräfte. Das Wirtschaftswunder bot Jobs ohne Ende – Jobs, die Deutsche nicht machen wollten oder konnten. In den Mittelmeerstaaten mit einer hohen Arbeitslosigkeit, einer unsicheren politischen Lage, gezeichnet von Wirtschaftskrisen und vielen, ungelernten Arbeitskräften fand man das benötigte Reservoir an Arbeitskräften. Mit dem historischen Abkommen zur Anwerbung von Arbeitskräften aus der Türkei begann eine einzigartige Einwanderungsgeschichte, die nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Gesellschaft Deutschlands bis heute veränderte und prägte.

Wenn am 30. Oktober um 13 Uhr am Münchner Hauptbahnhof auf Gleis 11 eine Erinnerungstafel enthüllt wird, hat die Einwanderung der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter nicht nur aus der Türkei, sondern auch aus Italien, Griechenland, Portugal und dem ehemaligen Jugoslawien einen Erinnerungsort bekommen. Die türkeistämmige Münchner Bildhauerin Gülcan Turna hat das Kunstwerk gestaltet, das an die Ankunft der Migranten zwischen 1955 und dem Anwerbestopp 1973 erinnert. Hier auf Gleis 11 begann nach der anstrengenden Bahnfahrt aus den Herkunftsländern das Abenteuer Deutschland. Die Gastarbeiter wurden begrüßt und erhielten eine warme Mahlzeit, bevor sie auf die Weiterfahrt an ihre Arbeitsorte geschickt wurden.

Vor der Ausreise nach „Almanya“, vor dem Sprung in das ferne Deutschland mit all seinen Verheißungen, galt es verschiedene Hürden zu nehmen. 15 strenge Prüfungen mussten die Interessenten absolvieren, hinzu kamen medizinische Tests. Gerade diese wurden von den Menschen oft als entwürdigend empfunden, so ist es in vielen Erinnerungen zu lesen. Bereits im Juli 1961 errichtete die Bundesanstalt für Arbeit in Istanbul die „Deutsche Verbindungsstelle“ als zentrale Anlaufstelle für das Auswahlverfahren. Insgesamt bewarben sich zwischen 1961 und 1973 fast 2,7 Millionen Menschen. Nur knapp ein Viertel bestand die Prüfungen und wurde angeworben.

Nach Deutschland kam so quasi eine Elite – es waren gesunde, fleißige Menschen. Immerhin ein Drittel waren Facharbeiter, auch Studenten oder Abiturienten waren unter den Migranten. Die türkischen Gastarbeiter waren deutlich besser qualifiziert als die anderen Gastarbeiternationen. Was oft vergessen wird – jede fünfte angeworbene Arbeitskraft war eine Frau, die in den Anfangsjahren ebenfalls ohne ihre Familie nach Deutschland kam. Insgesamt zogen in den Jahren des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens rund 750 000 Türkinnen und Türken nach Deutschland. Die Arbeitsmigranten lebten vor allem in den industriell geprägten Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Bayern und Hessen.

Die Initiative für das Anwerbeabkommen war von der Türkei ausgegangen, die sich vor allem einen Abbau der hohen Arbeitslosenzahlen erhoffte. Nach der Rückkehr der Arbeitsmigranten sollten sie mit ihrem in Deutschland gewonnenen Know-how zur Effizienzsteigerung der heimischen Industrie beitragen. Der damalige Arbeitsminister Theodor Blank lehnte das Angebot zunächst ab. Mit Blick auf Kultur und Religion der Türken befürchtete er Konflikte. Dass es dann doch zum Abschluss kam, lag in außenpolitischen Zielen der USA begründet. Nach der Aufnahme der Türkei in die Nato wollten die USA den neuen Partner auch wirtschaftlich stabilisieren und drangen auf den Abschluss des Abkommens.

Die Hunderttausende türkischen Arbeitskräfte, die daraufhin in das „Wirtschaftswunderland Bundesrepublik“ kamen, kamen im wahrsten Sinne des Wortes als „Gast“-Arbeiter. Denn ursprünglich war vorgesehen, dass jeder der Gastarbeiter für längstens zwei Jahre hier bleiben und dann durch Neuankömmlinge ersetzt werden sollte. Dieses Rotationssystem scheitert jedoch in der Praxis und wurde schon 1964 aus der Vereinbarung gestrichen.

Integration, Zuzug von Familienangehörigen, Sprachkurse, aber auch die jetzt an Aktualität gewinnende Frage der Gestaltung des Alters der Gastarbeiter – all das hat vor 50 Jahren noch niemanden interessiert. Es war im Ursprungsgedanken des Anwerbeabkommens nicht vorgesehen. „Ihre Hoffnungen waren größer als ihre Koffer.“ – Treffend drückt dieser Satz aus, welche Erwartungen die Gastarbeiter mit ihrer Migration, mit der Aufgabe ihres Lebensumfelds verbanden. Angekommen im fernen Deutschland fanden sie meist Arbeit im Stahlwerk, Bergwerk oder am Fließband in der Autoproduktion. Für die Ankömmlinge gestaltete sich die Bewältigung des Alltags schwierig. Familiäre und soziale Netzwerke fehlten. Für viele kam die Ankunft in den industriellen Ballungsgebieten Deutschlands einem Kulturschock gleich, waren sie doch in ihrem Leben oftmals noch nie aus ihrem Dorf herausgekommen, hatten noch nie eine Großstadt gesehen. Besonders fehlende Sprachkenntnisse erschwerten das Leben. Sprachkurse gab es kaum, viele Unternehmen beschäftigten Dolmetscher, um mit den neuen Arbeitskräften kommunizieren zu können. Die Kinder lernten die neue Sprache im Kindergarten oder der Schule. Die Schulpflicht für ausländische Kinder wurde 1965 eingeführt. 1974 wurden erstmals Sprachkurse aus Bundesmitteln gefördert.

Erst in der jüngsten Vergangenheit, nämlich 2005, machte das Zuwanderungsgesetz die sogenannten „Integrationskurse“ für alle Immigranten verpflichtend. Sie bestehen aus einem Sprach- und einem Orientierungskurs und sind der Kern der staatlichen Integrationsangebote. Neben dem Spracherwerb geht es um Alltagswissen, Kenntnisse der Rechtsordnung, der Kultur und der Geschichte Deutschlands. Seit 2007 müssen zudem nachziehende Ehegatten Deutschkurse im Herkunftsland absolvieren. Damit, so Staatsministerin Maria Böhmer, die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, habe ein Paradigmenwechsel in der Integrationspolitik stattgefunden: „Wir haben von der nachholenden Integration zur vorbeugenden Integration umgesteuert. Damit ziehen wir die Konsequenzen aus den Fehlern der vergangenen Jahrzehnte, in denen die Zuwanderer sich selbst überlassen wurden.“

„Deutschland wollte Arbeitskräfte, gekommen sind Menschen“ – mit diesen knappen Worten brachte der Schriftsteller Max Frisch die ganze Problematik der Zuwanderung auf den Punkt. Niemand ahnte vor 50 Jahren, dass mittlerweile die vierte Generation Zuwanderer in Deutschland lebt. Aus „Gastarbeitern“ sind Einwanderer und Bürger geworden. Mehr als 700 000 Türken haben inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft erworben. 83 000 türkische Unternehmen mit 330 000 Beschäftigen haben sich in der Wirtschaft etabliert. Rund drei ­Millionen türkischstämmige Menschen zählt Deutschland heute, sie sind ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Die Zugewanderten aller Nationen, nicht nur die Türken, sind heute ein wichtiger Faktor für unsere Wirtschaft. Allein die türkischstämmige Bevölkerung verfügt über eine Kaufkraft von circa 17 Milliarden Euro im Jahr.

Mit vielen Projekten wird versucht, alle Migranten zu integrieren. Beispielhaft ist das rheinland-pfälzische Projekt „Integration durch Ausbildung“, in dem vor allem Unternehmerinnen und Unternehmer türkischer Herkunft im Raum Ludwigshafen für mehr Ausbildungsbereitschaft werben und Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen. Seit Januar 2009 bieten verschiedene Diakonische Werke in dem Projekt „Vorbereitet ankommen in der neuen Heimat“ eine Beratung für Zuwanderer aus der Türkei, Serbien und dem Kosovo bereits in den Heimatländern an.

In der aktuellen Diskussion wird zunehmend versucht, neben dem Stichwort Integration mit all seinen bekannten Probleme auch die Potenziale der Migranten in den Fokus zu nehmen. Welchen Beitrag können sie zur Wirtschaftsentwicklung leisten? Wie können ihre Potenziale für die Entwicklung unserer Wirtschaft und auch der Gesellschaft genutzt werden? Aber auch die Migration aus Deutschland zurück in die Türkei ist ein Phänomen, das nicht unerwähnt bleiben sollte.

So haben wir heute als Ergebnis der Anwerbeabkommen mit den europäischen Nachbarländern eine multikulturelle Gesellschaft mit Menschen aus vielen Nationen, nicht nur der Türkei. Integ­ration ist selbstverständlich geworden, ist ein wesentlicher Bestandteil des friedlichen Miteinanders in unserer Gesellschaft. Türkische Läden, Imbissbuden, Restaurants prägen längst unsere Städte, Türken arbeiten als Ärzte, Lehrer, Polizisten oder spielen in der deutschen Nationalmannschaft. Aus Gästen wurden Bürger. Auch die Beziehungen zwischen den Staaten haben von den Migra­tions­strömen profitiert: „Die Türkei und Deutschland sind in den vergangenen 50 Jahren eng zusammengerückt“, blickten Staatsministerin Maria Böhmer und der stellvertretende türkische Ministerpräsident Bekir Bozdag bei einem Treffen im Bundeskanzleramt Ende September zufrieden auf die gemeinsame Geschichte zurück.

50 Jahre nach dem Beginn der tür­kischen Migration nach Deutschland scheint sich die Geschichte zu wiederholen: Im aktuellen Demografiebericht des Berliner Innenministeriums, der in diesen Tagen vorgestellt werden soll, wird ­eine gezielte Zuwanderungssteuerung von Fachkräften und Hochqualifizierten empfohlen, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu erhalten. Das Ende September verabschiedete Gesetz zur verbesserten Anerkennung ausländischer Abschlüsse ist auf jeden Fall ein deutliches Willkommenssignal für qualifizierte Zuwanderer.

Ausstellungen und Lektüretipps

An vielen Orten wird der 50. Jahrestag des Anwerbeabkommens mit Ausstellungen und Veranstaltungen begleitet. Hier eine kleine Auswahl:

Noch bis zum 18. Dezember läuft im Stuttgarter Linden-Museum die Ausstellung „Merhaba Stuttgart … oder die Geschichte von Simit und der Brezel“. Mehr Infos unter www.lindenmuseum.de.

Das Kölner Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) e.V. präsentiert zum 50. Jahrestag des Anwerbeabkommens an drei Orten Ausstellungen zum Thema „Geteilte Heimat – Paylaşılan Yurt. 50 Jahre Migration aus der Türkei“. Die Ausstellungen finden vom 31. Oktober bis 14. November im Historischen Museum in Berlin, vom 8. November bis 4. Dezember im Düsseldorfer Landtag und vom 4. bis 30. November im Historischen Rathaus in Köln statt.

Die zweisprachige Wanderausstellung „Erinnerungen an eine neue Heimat. Aus dem Leben deutscher Istanbulerinnen und türkischer Berlinerinnen“, ein Projekt des Kultur Forum Türkei Deutschland unter der Schirmherrschaft von Staatsministerin Maria Böhmer, wurde bereits in Istanbul, Izmir, Ankara, Antalya, Berlin und Nettetal gezeigt. Vom 26. Oktober bis 30. November ist die Ausstellung in München, VHS Süd, Albert-Roßhaupter-Straße 8, 81369 München, zu sehen. Für den Sommer 2012 wird sie im „frauen museum wiesbaden“ zu Gast sein.

Das virtuelle Migrationsmuseum des Landes Rheinland-Pfalz „Lebenswege“ bietet viele detaillierte und weiterführende Informationen zum Thema. Interessant sind die Biografien von Migranten: www.lebenswege.rlp.de. Unter www.domid.org findet sich die Homepage des Dokumentationszentrums und Museums über die Migration in Deutschland e.V. Seit 1990 sammelt DOMiD sozial-, kultur- und alltagsgeschichtliche Zeugnisse, die die Einwanderung nach Deutschland seit dem ersten Anwerbeabkommen dokumentieren

Lektüretipps:
Auf Zeit. Für immer. Zuwanderer aus der Türkei erinnern sich. Herausgegeben von Dorte Huneke und Jeannette Goddar im Verlag Kiepenheuer und Witsch, zu beziehen über die Bundeszentrale für politische Bildung, etwa 240 Seiten, 4,50 Euro, Bestellungen unter info@bpb.de, Bestellnummer 1183.

Haci-Halil Uslucan: Dabei und doch nicht mittendrin. Die Integration türkeistämmiger Zuwanderer. Wagenbach-Verlag, 2011. 112 Seiten. ISBN 978-3-8031-3638-1rad